Mal was ganz Anderes

Veröffentlicht auf von Lauftreff Nauen-Falkensee

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5. Knastmarathon Darmstadt - Susi berichtet

Seit meinem ersten Marathon weiß ich: Das ist nicht meine Strecke. Einfach zu lang. Trotzdem bin ich schon mehrmals rückfällig geworden, wenn nur die Idee ‚dusselig‘ genug dafür war: Mal in Berlin, unvorbereitet mit einer gewonnenen Startnummer, später dann noch den New-York-Marathon, mehr wegen des „New York“ darin als wegen des „Marathon“s. Nun also im Gefängnis, das passt, ich war überredet. Nachdem Barbara einige Zeit hartnäckig geblieben war in ihrem Werben, war schließlich auch Björn dabei.

Das Projekt ‚Knastmarathon‘ wurde im Darmstädter Gefängnis als Resozialisierungsprojekt angeschoben, als eine Initiative des sportbeauftragten Vollzugsbeamten der Anstalt, der durch das Laufen den Gefangenen Disziplin, Beharrlichkeit, Willensstärke, Geduld und Ausdauer vermitteln wollte. Bereits seit Längerem gibt es im Gefängnis einen Sportverein, der bis dahin hauptsächlich Fußball anbot und -  allerdings nur mit Heimspielen – an normalen Punktspielen teilnimmt. Dieser wurde nun  um die Laufkomponente erweitert. Über gut 6 Monate wird den interessierten Insassen nun jedes Jahr eine generalstabsmäßige Vorbereitung mit 4-5x Training wöchentlich geboten, inklusive Laufstilanalyse, Techniktraining, Gymnastik und Kräftigungsübungen. Natürlich erfährt die Teilnehmerzahl mit der Zeit einen deutlichen Schwund, weil viele Gefangene sich den Anforderungen doch nicht stellen, sich verletzen, entlassen werden oder lieber doch zum Fußball wechseln. Der krönende Abschluss des Laufprojektes ist nun bereits zum 5. Male der Knastmarathon gewesen, an dem ganz bewusst ‚interne‘ und externe Sportler unvoreingenommen miteinander laufen sollen. Am Ende standen von zwischendurch bis zu 49 Projektteilnehmern der JVA immerhin noch 21 an der Startlinie, dazu noch einige aus anderen Anstalten.

Start KnastFür einen ‚Externen‘ ist das Ganze ein Eindringen in eine völlig fremde Welt. Allein das Betreten der Haftanstalt ist ja schon ein ziemlich bizarres Unterfangen – gruppenweise durften wir in einen Vorraum, hatten dort eine Personenkontrolle zu durchlaufen, durften den Ausweis abgeben (Handy und Fotoapparat mussten sowieso schon draußen bleiben) und wurden wie am Flughafen durchsucht. Anschließend mussten sich alle auf Bänke setzen, einer mit den Beinen nach rechts, der nächste nach links, das geöffnete Gepäck zwischen den Beinen, Arme auf den Beinen, Handflächen nach oben: großer Auftritt Drogenhund. Meine Banane hat er nicht beanstandet. Endlich drin.

Drinnen steht man gleich direkt am Verpflegungsstand, fürstlich ausgestattet mit Wasser, Cola, Bananen, Riegeln oder den Produkten des Hauptsponsors. Wer will, bekommt auch vorher bereits belegte Brötchen, Kaffee, Malzbier oder Kuchen. Mit der Startnummer zusammen gibt es auch ein alternativ zur Startnummer zu tragendes Funktionsshirt mit aufgedruckter Startnummer. Streckenhelfer sind Insassen, Sponsorenmitarbeiter, Bedienstete und Helfer von THW und DRK bunt durcheinander. Eine Trommelgruppe sorgt für Stimmung, ebenso die Musik über die Lautsprecher, dazu gibt es einen unermüdlichen Sprecher, der die Veranstaltung über die komplette Dauer durchmoderiert. Wegen der zeitaufwändigen Einlasszeremonie wird der Start kurzerhand eine Viertelstunde nach hinten verlegt. Auf uns warten 24 Runden a 1,758 km, amtlich vermessen, mit zwei Wendestellen.

Knast1

Um 10.15 Uhr geht es endlich los. Barbara ist zuversichtlich, aber ohne ‚Fahrplan‘, will erst einmal loslaufen und dann sehen, wie es läuft. Björn und ich sehen das auf anderem Niveau ähnlich – Björn hat relativ wenig trainiert und hat starke Zweifel, überhaupt anzukommen, ich habe zwar recht viele km gemacht, bin aber dieses Jahr irgendwie nicht gut drauf, bin schon bei geringsten Geschwindigkeiten furchtbar angestrengt, komme überhaupt nicht ‚auf Tempo‘ und brauche Ewigkeiten für die Erholung. Ich lasse also die beiden laufen und versuche, ein möglichst unangestrengtes Tempo zu finden. 1. Runde 10:12 Minuten, huch, so flott? Bloß nicht schneller werden. Nach 2 Runden 20:23, nach dreien 30:31, das geht wunderbar, der Puls ist unten und der Abstand zu Björn und Babsi konstant. Ein paar Runden später habe ich aufgeschlossen, und wir laufen eine Weile gemeinsam, bis Björn sich schließlich so gut fühlt, dass er sich ein bisschen absetzt. Mittlerweile sind keine Zuschauer mehr im Gefängnishof – Hofgang beendet. Kurz danach sind neue ‚Jungs‘ an der Strecke und feuern an. Frauen erfahren dabei deutlich mehr Aufmerksamkeit, und ich bin nicht traurig, dass ich den Wortlaut nicht immer mitbekomme. Leider ist es mit dem Locker-Dahinlaufen nach etwa 16 Runden auf 4-Stunden-Kurs vorbei, das Ganze wird jetzt deutlich mühsamer, und nach 19 Runden ist Schluss mit lustig. Ich muss gehen. Und ich hasse diese 180-Grad-Spitzkehre. Barbara ist längst weg und auch an Björn vorbei, der jetzt gar nicht mehr frisch wirkt. Am Verpflegungsstand entscheide ich mich zum ersten Mal überhaupt für Cola. Vielleicht hilft’s, und schlimmer kann‘s ja nicht werden. Ich laufe ein kurzes Stück und gehe wieder. Björn ist so erschöpft, dass er sich zu mir zurückfallen lässt und wir ein wenig gemeinsam leiden. Er findet aber schließlich noch ein paar Reserven und läuft weiter. Nach der 3. Cola geht es plötzlich auch bei mir zwar langsam, aber immerhin laufend weiter, die beiden letzten Runden machen sogar wieder Spaß und ich freue mich tierisch aufs Ziel. Dort treffen wir uns wieder und sind stolz auf das Erreichte: Barbara wird in 3:56,46 4. Frau, Björn brauchte 4:16,21 und ich 4:17,59 Stunden (7. Platz Frauen).

Im Ziel ist noch Zeit zum Schwatzen mit Mitläufern und Gefangenen, dazu werden die langsameren Läufer noch enthusiastisch ins Ziel geklatscht. Der letzte, ein ‚Interner‘, bekommt für die letzten Runden bis zu 3 Begleitläufer, damit auch er es ins Ziel schafft, dann geht es zur Siegerehrung in die gerammelt volle Sporthalle. Geehrt werden die jeweils ersten drei Männer, Frauen und Inhaftierten, dazu der völlig überraschte Letzte, der vor Stolz Tränen in den Augen hat. Alle 21 Darmstädter Insassen kamen ins Ziel. Ein beeindruckendes Erlebnis.

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